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Literarisches von Werner Nennich



  • Letztes Obst
    
    
    Greift der Wind Dir kalt unter das Hemd
    Wird durchsichtig der Heimat Astwerk
    Letztes Obst im schütter belaubten Baum 
    
    Lasse ihn Dir schmecken!
    Süßer bekommst Du den Apfel nie
    
    Müde welkt das Gras am Wegrand
    Feucht bis auf die Knochen das Holz
    Die graue Straße führt in den grauen Horizont
    
    Setze Dir Feuer in den Kopf der Pfeife!
    Heiß dampft noch und duftet das Leben.
    
    Ein Geschrei, ein Gezeter in den Büschen
    Sammel- und Aufbruchsgesänge der Stare:
    Wir müssen fort, wir fliegen davon
    
    Lege Deine Wange tiefer ins Kissen!
    Du bist dabei, auch Dich ruft die Reise
    
    Wer fragt noch nach Gestern
    Wo das Morgen, die Nacht
    Wo Dunkelheit nicht mehr wärmt
    Wo Du einsam, einsam allein
    
    Rufe an im Wort die Götter!
    Bitte um ihren tröstlichen Rat!
    
    Letztes Obst, berauschend Trank fülle Dir Seele und Leib!
    
    
  • Das Bad im Meer
    
    
    
    
    

    Der Himmel, das Meer, der flache, ins Wasser verschwindende Sandboden: Das ist Bühne und Bühnenbild. Jetzt Auftritt der Dame, sich ins Wasser vortastend, zurückweichend, trippelnd, innehaltend, hüpfend, Fußspitzen über das Wasser hebend, im Storchengang gehend, ein paar Schritte rennend, in die Hocke gehend, stehenbleibend, nach vorne in die Tiefe der Bühne sehend, nach der Seite sich drehend, sich bückend, das Wasser spürend, mit Händen aufnehmend und abschüttelnd, wieder hüpfend, die Arme über den Kopf werfend, tanzend zwischen Himmel und Meer, dann langsam Welle für Welle sich nach vorne wagend, schon bis zu den Knien, gar bis zum Gesäß im Wasser verschwindend, jetzt ein sich Vorbeugen, ein tief Atmen, ein durch den Körper laufender Schauer der Kühle des Wassers oder gar vor Vergnügen, ein sich Abdrücken mit den Füßen, sich Übergeben, sich Überlassen dem Meer, der See, dem tragenden Element, jetzt nur noch der Kopf ist zu sehen und die Bewegung im Wasser zu erahnen, ein Schauspiel, ein Erlebnis, archaisch, immer wieder stattgefunden und stattfindend: Das Bad im Meer.

  • Skizzen am Meer (Auszüge)

    Martin Harsch tankte den „Diesel“ voll mit Diesel und fuhr nach Nordosten an die hellsandigen Ufer der Ostsee, fast mehlig fein zerrieben der Sand, den der Küstenwind ihm in Ohren- und Nasenlöcher trieb. Dünen, alte Wälder säumten das Ufer, standen über dem Meer und wurden von unten immer wieder bedroht, untergraben, unterspült, Objekt der Erosion.

    Eines Morgens, relativ früh unterwegs wanderte er am Ufer entlang, noch eingehüllt Meer und Land und Kap in vorherbstlichen Nebel und nur umrisshaft zu erahnen die großen Granitblöcke in der Dünung zwischen Land und offenem Meer. Er hielt inne, blieb stehen, wurde ergriffen von dem einmaligen Moment, von der elementaren Natur, die auch ohne menschliche Wahrnehmung vorhanden, die immer schon vorhanden, prähistorisch, präzivilisatorisch, vor Menschens Auftritt auf der Bühne. Er merkte, worin die Einzigartigkeit des Moments bestand:

    Die Schönheit des Zufalls. Die absolute Schönheit des absoluten Zufalls. Die Granitsteine in der Brandung vor Kap Arkona. Nichts ist geplant, nichts ist beabsichtigt. Welche Freiheit, welcher Frieden, welches Glück. Welch Glück, da zu sein, ein Glückskind der Akzidenz. Stein, Du mein Bruder, mein Vater, meine Mutter. Stein im Meer, Du Seele der Welt!

    Tags darauf blickte er über Meer und Strand, spürte Wind und Sonne, war bereits nackt in den Wellen und dann ganz untergetaucht und auf dem Rücken im Wasser gewiegt und dann wieder hinaus, durch den Wind, oben in der Düne windabgewandt im Sand zwischen Schilfgrasbüscheln, da:

    Da sah er sie, unten, näher am Wasser, mit einem Buch in der Hand, wie ein elektrischer Schlag, diese Frau, dieses Mädchen zu sehen, so frappant ähnlich ihr, Hannah, …

    Ihm war leicht taumelig, eine Vertige lag in der Luft, destabilisierte seine kompakte Identität, ließ ihn liebäugeln, wie ein Drachen oder auch nur wie ein Müllpapier nach oben zu wirbeln, aus der Luft auf Strand und Wellen herabzusehen, die Leichtigkeit, die Bewegung zu genießen.

    Hier am Meer war eine Übersättigung an Sauerstoff. In der Luft und auch in dem Wasser, das ungeheuerliche Mengen O2 bindet, was wohl frei wird beim Verdunsten, überall Sauerstoff in der Luft, an der Küste, das ist Leben, Sauerstoff ist Leben, der Grundbaustein, das Lebensmittel schlechthin.

    Gegen Abend wurde alles schwerer, trüber, orangerot leuchtend der Horizont, Vergangenheit und Zukunft den Himmel quittierend. Die leicht in die Endlosigkeit hochgewölbte Meeresoberfläche, gekrümmt hinab in den Abgrund der Zeit.

    Am Strand die (Leucht-) Feuer gelöscht, jetzt alles schwarze Nacht. Singt die See das weiche Lied aller Tage. Für einen Zeitbruchteil wird ein Sternenlicht an Land gespiegelt.

    Wie wird das sein, wenn ein Schiff, ein Segelmaster aus der Nacht und der Tiefe, der Weite des Meeres auftaucht? Wie wird das sein? Wird die Spitze des Mastes zuerst sichtbar? Wird das Schiff langsam die Wasser- und Erdkrümmung hinauffahren? Dann erscheinen als gesamtes Objekt. Immer größer werden, immer näher kommen. Und dann erstmals der Gedanke: Auf dem Schiff sind doch Menschen. Wer sind sie? Wo kommen sie her? Wollen sie hier an Land? Jetzt gar erkennbar ein Schriftzug, eine Name rechts am plankigen Holzbug: Heimat.

  • Die Zeit steht (Nunc stans)
    
    
    Hinter dem Fenster steht die Zeit
    Unter der Brücke steht die Zeit
    
    In Deinem Nacken steht die Zeit
    		Sie duftet gar
    
    Hinter dem Haus steht die Zeit
    Über den Dächern steht die Zeit
    
    In der Wohnung ist sie
    	Wärmt wie gelbes Licht
    
    Beim Öffnen des Buches finde ich die Zeit
    		Sie liegt schon im Bett
    		Und ist nicht müde
    
    Aus Deinen Augen sieht mich an die Zeit
    		Sie nimmt mich in die Arme	
    			Ohne ein Wort
    
    Ohne Zeit wäre leer der Raum
    Ohne Zeit hätte ich keinen Namen
    Ohne Zeit wären dunkel geblieben Deine Augen
    Ohne Zeit duftete nicht Dein Haar
    
    Die Zeit steht, wartet im Keller
    Oben in den Wolken treibt sie dahin
    	Grüßt Sonne und Mond 
    
    Elegant querst Du die Straße
    	Um Dich die Zeit
    		Und Du die Erscheinung
    
    Durch die Zeit mein Blick
    	Kann nicht von Dir lassen
    
    Sprich - nur ein Wort
    	Nur ein Wort - bitte!
    
  • Leben
    
    
    Die Biene in der Blüte 
    Für zwei Sekunden Leben
    Eine Ewigkeit Dein
    Arm handbreit
    Von Leben voll kilometerlang
    Der Landschaft grünes Gewand
    Atmen die Pflanzen Leben
    Blickt aus Deinen Augen
    Der Sommer über der Welt liegt
    Leben schwingt durch das Wasser
    Ton, Melodie klingt
    Herzerwachen wir spüren
    Unsere Erde Heimat
    Dem Leben
    Wohnung die Welt
    

WERNER NENNICH

Geboren und aufgewachsen im Frankenwald; Studium der Germanistik, Geographie, Theologie; wohnte und lebte in Nottingham, Aix-en-Provence sowie größeren und kleineren Städten in Bayern; war als Zivildienstleistender, Lehrer, Exportkorrespondent und Betriebsrat tätig, schon immer als Privatschreiber und Dichter



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